Hardstrasse 219 – 03

topelement

Jan Fröhlich und Dino Corbella mit dem Töff, den sie für das Musical “mein Name ist Eugen” gebaut haben. Während der Hauptprobe in der Maag Halle Zürich. http://www.froelich-corbella.ch/ 25.2.2016 Esther Michel

Eine Bewegung beobachten die Herren Froelich und Corbella schon seit längerem mit Sorge. Es gibt jedes Jahr mehr Krawattierte in und um das Maag-Areal. Jan Froelich mit seinem dunkelbraunen Overall und Dino Corbella in seinen zerrissenen Arbeitskleidern fielen immer mehr aus dem Bild. Ihre Befürchtungen waren nicht unbegründet: Im Oktober ist Schluss. Nach 17 Jahren Zwischennutzung. Ihr Atelier im dritten Stock des ­Gebäudes K 1 wird dann wohl zum Büro. Man kann sich eine Werbeagentur ebenso gut vorstellen wie ein Architekturbüro. Bloss eine Metallbauwerkstatt – nun, ehrlich gesagt, die erwartet man heute schon nicht mehr da.

Obwohl sie da unbedingt hingehört. Metall und Stahl bestimmten das Treiben auf dem Areal: In der Maag wurden früher Zahnräder gefertigt, Lager gegossen, Getriebe zusammengebaut. Die Metallindustrie hat inzwischen der Unterhaltungsindustrie Platz gemacht – und hier sind die Arbeiten von Froelich und Corbella heute gefragt. In der Maag Event Hall finden derzeit die letzten Proben zum Musical «Mein Name ist Eugen» statt. Drei Werke aus dem Atelier Froelich und Corbella haben darin einen grossen Auftritt.

Ein Deux Chevaux am Himmel

Es ist ein kleines Wunderland, das die beiden dort oben haben. Allein der Lift zu ihnen: eine Kapsel für Zeitreisende. Rote Stahlwände in die Ecken gebogen, schwaches Licht, links und rechts der Tür eine Chromstahlstange. Es geht hinauf – und in der Zeit zurück. Oben angekommen rieselt ruhige Musik von der Decke, neben dem Eingang grinst Heino von einer Plattenhülle.

Dino Corbella trägt einen gelben Gehörschutz. Man stört ihn noch einen Moment lang nicht: Zu viel gibt es in diesem sechs Meter hohen Raum zu entdecken. Lampenschirme von Strassenlaternen, Modellflugzeuge, einen riesigen BH aus Draht, das Modell eines Kronleuchters, die Karosserie eines Deux Chevaux hängt von der Decke, für ihr Büro haben sie vorne einen Zwischenboden eingezogen. Schöner Ausblick über die Stadt, über das Atelier.

Ein Beruf, den es eigentlich nicht gibt

Jan Froelich und Dino Corbella, der eine Maschinenmechaniker, der andere Uhrmacher, kennen sich von der Kunstgewerbeschule. Fachklasse Schmuck­design. Heute haben sie einen Beruf, den es eigentlich nicht gibt: Sie verbinden technisches Know-how mit gestalterischem Wissen, tüfteln an allerhand ­Sachen, fertigen Konstruktionen, die ein bisschen aus dem Rahmen fallen. Panzerschleusen für die Nationalbank. Kunstwerke am Bau. Einen Kronleuchter, dessen Arme mit einem Scheren­mechanismus ausgefahren werden. Eine halbe Tonne schwer ist das Ding, die Idee ist von jemand anderem, fertig­gedacht haben sie Corbella und Froelich. Wobei: «Viele Sachen, die wir ­machen, kann man nicht zeichnen», sagt Froelich. Sie bauen Prototypen und Modelle, tasten sich so an technische ­Lösungen heran. «Nur so kann man Denkfehler vermeiden.»

Auf diese Weise haben sie auch die Konstruktionen für das Musical «Mein Name ist Eugen» entwickelt. Trial and Error: Bis das Gigampfi dank den pedalenden Schauspielern langsam und anmutig ­gigampfte. Bis das fliegende Velo wirklich mit den Flügeln schlug und Feuer spie. Bis der Raketentöff spektakulär seine Verkleidung absprengt, wenn man bloss einen Hebel zieht. «Ist doch noch verrückt, wie simpel das funktioniert», sagt Froelich, bevor er die Bremse zieht. Die Verkleidung scheppert auf den Boden – auf den Gesichtern der beiden Erfindern macht sich Zufriedenheit breit.

Die Krankenschwester ist weg

Die Materialien haben Froelich und Corbella aus dem ­Internet (eine Mobylette, denn ein Puch Maxi hätte nicht in die Zeit gepasst) und vom Schrottplatz (eine Waschmaschinentrommel, ein Dampfsieb und ein Messingtank eines Sprüh­geräts Typ Birchmeier Senior).

Als die beiden vor 17 Jahren auf das Maag-Areal zogen, von Uerikon in einen Stadtteil, der mit den Jahren quasi immer mehr ins Stadtzentrum gerückt ist, wurden hier noch Zahnräder gefertigt. Die beiden fielen in ihren Arbeits­kleidern nicht weiter auf. Im Mietzins ­inklusive war der «Service» eines Sanitätszimmers. «Wenn man sich in den Finger schnitt», sagt Corbella, «liess man sich unten von einer Krankenschwester die Wunde verarzten.»

Ausschnitt aus «Mein Name ist Eugen – Das Musical» bei «Happy Day». Video: Maag

Die Krawattierten schneiden sich nicht in den Finger, irgendwann verschwand der Sanitätsposten; die Schwester hatte sich allzu oft gelangweilt. Jetzt verschwindet wohl auch das Atelier von Froelich und Corbella, etwas Hoffnung hätten sie noch, dass der Vertrag doch noch einmal verlängert wird.

Nicht genug Hoffnung allerdings, um nicht die Gelegenheit für einen Aufruf in der Zeitung zu nutzen: Gesucht werden circa 120 Quadratmeter für ein Metallbauatelier, in der Stadt oder an der Peripherie, bezahlbar (mail@froelich-corbella.ch).

Mit einem leisen Klacken verriegelt sich die Tür. Der Lift spuckt einen unten wieder aus. In der Gegenwart. Gegenüber glänzt kalt der Prime Tower.

«Mein Name ist Eugen», ab Samstag und bis 15. Mai in der Maag Event Hall. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.03.2016, 21:41 Uhr)

 

 

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